Ich
stehe am Ufer und schaue hinüber zum Strom. Ich schaue immer wieder hin
und sehe nicht mehr als beim ersten Mal; einmal sind es die Regenwolken,
dann ist es der Nebel, die ihn meiner Sicht entziehen. Ich möchte den
Strom überqueren, doch zuerst möchte ich ihn einmal sehen. Ihn, der von
den Literaten und Schriftstellern so eindrucksvoll beschrieben wird.
Ich weiß nicht, wer
von ihnen diesen ”Malstraumen”, den ach so gewaltigen, überhaupt jemals
wirklich aus der Nähe gesehen hat. Viele haben von ihm geschrieben und
ihm in Kriminalromanen und Abenteuergeschichten ein Denkmal gesetzt.
Edgar Allan Poe ”Im Wirbel des Maelström” und Jules Verne zum Beispiel.
Die Schilderungen sind schreckenerregend. Reiseschriftsteller schreiben
davon, daß der Strom ”für Paddler wirklich lebensgefährlich ist”.
Ich bin Paddler, ich
möchte den Moskenes-Strömmen mit dem Faltboot überqueren, wenn es die
Verhältnisse zulassen; wenn die Wellen nicht zu hoch sind, die
Windstärke nicht mehr als vier Beaufort beträgt und die Sicht klar ist.
Ich habe
Informationsmaterial gelesen, das genaue Angaben für eine Faltbootfahrt
entlang der Inselgruppe der Lofoten vermittelt. Ich habe Einar Dyrnes,
einen Fischer auf der Halbinsel Prestholm (Vaeröy), als guten Berater.
Er kennt den ”Strömmen” genau, denn der liegt fast hinter seinem Haus.
Obwohl er weder Deutsch noch Englisch spricht und ich nur wenige Worte
Norwegisch, ist die Verständigung gut.
Immer wieder werden
die Zeiten in Einars ”Almanak” und in meinen Gezeitentafeln gerechnet
und verglichen. Anhand von Skizzen und der Seekarte wird die beste Route
und Zeit festgelegt, denn der Gezeitenstrom im Bereich des
Moskenes-strömmen ist sehr stark und gegenanpaddeln ist unmöglich.
Ich will nach
Nord-Nordost, also muß ich in der Zeit fahren, in der auch der
Gezeitenstrom in diese Richtung zieht. Wir beobachten Wind und Wellen,
hören die Wettermeldungen im Radio und schauen auf Barometer und
Thermometer.
Einen Tag vor der Mitsommernacht,
endlich sind Wetter und Wellen so, daß ich meine Fahrt unternehmen kann.
Es ist geplant, die Strecke in drei Abschnitten zu fahren:
Kurz nach 19 Uhr bin
ich startbereit. Das Faltboot ist vollgepackt. Selbst auf das Verdeck
mußte ich außer den Reservepaddeln und einer wasserdichten Seglertasche
noch einige Sachen schnallen. Dann geht es los.
Die Wellen und der
Wind, die mich gleich nach der ersten Landzunge empfangen, sind stärker
als ich angenommen hatte. Immer wieder laufen die Wellen über das
Verdeck, der Wind ist kalt und unangenehm. Trotz der schweren
Paddelarbeit ist es nicht zu warm, obwohl ich einen Neopren-Overall
trage. Auch die Sonne, die immer mehr im Dunst der Dämmerung
verschwindet, spendet weder ”moralische” noch sonstige Wärme. Die kahle
und schroffe Felseninsel Mosken, der ich mich langsam nähere, wirkt
unwirtlich und abweisend. Die Inseln Flima, Langgrumpholm und Hikjelen,
an denen ich im Abstand von knapp einem Kilometer vorbeipaddle, ragen
als triste Steinmassen aus der See. Im Bereich der Insel Mosken wird
mein Paddelrhythmus immer wieder durch Fallböen, die von dem 391 Meter
hohen Gipfel herabdrücken, gestört. Sie zwingen mich, näher an die Insel
heran zu fahren. Ich bin ganz allein in dieser Umgebung. Nicht einmal
eine Möwe schreit mir entgegen.
Nach knapp zwei
Stunden erreiche ich eine Bucht auf der Nordseite der Insel Mosken. An
den felsigen Ufern ist das Anlegen gar nicht so einfach. Mein Boot, das
mit Gepäck fast 120 Kilogramm wiegt, kann ich an den steilen Felsen
nicht aufs Trockene ziehen. Außerdem steigt das Wasser noch und schafft
dauernd neue Verhältnisse. Die Leinen, mit denen ich das Boot an den
Felsen festgebunden habe, müssen nachgezogen werden, damit es nicht von
den Wellen gegen die Steine geworfen wird.

Die Sonne ist
verschwunden, der Wind ist heftiger geworden. Ich fange an zu frieren.
Ich gehe auf die Suche nach einem besseren Stand- und eventuellen
Schlafplatz. Nach einer halben Stunde finde ich eine Stelle, an der ich
mein Boot aus dem Wasser ziehen kann und wo ich die Möglichkeit habe,
mich in der Nacht hinzulegen und zu schlafen. Das Zelt auf dem felsigen
und unebenen Untergrund aufzubauen, ist jedoch nicht möglich.
Nachdem der Wind
noch unangenehmer geworden ist, die Wolken fast bis auf zweihundert
Meter herunterhängen und ich müde bin, beschließe ich, nicht um 3 Uhr am
Morgen weiterzufahren, sondern so lange auf Mosken zu warten, bis das
Wetter besser geworden ist. Sollte das in den nächsten Tagen nicht der
Fall sein, werde ich nach Prestholm auf Vaeröy zurückkehren. So hatte
ich es auch Einar Dyrnes gesagt. Aber im Augenblick baue ich mein ”Nest
” für die Nacht: Liegematte, Luftmatratze, Schlafsack. Ich habe vor,
ohne Regenschutz zu schlafen. Es ist, wenigstens bis jetzt noch,
trocken.
Nach etwa einer
Stunde werde ich durch leises Rauschen und Tropfen im Gesicht geweckt.
Es regnet. Auch das noch!
Ich packe das Zelt
aus und krieche hinein wie in einen Biwaksack.
Erst morgens gegen 7 Uhr werde ich wach,
als mir Wasser durch den Zeltreißverschluß in den Mund läuft. Nach etwa
drei Stunden, das Gepäck ist wieder kentersicher verstaut, bin ich
startbereit. Aber ich muß noch bis 14.30 Uhr warten. Da die für die
vergangene Nacht geplante Fahrt von Mosken nach Kjeldholm ausgefallen
ist, werde ich eine halbe Stunde früher vom jetzigen Standort
aufbrechen, damit ich dann um 15 Uhr, wie geplant, von Kjeldholm aus den
Moskenes-strömmen überqueren kann. Im Moment muß ich aber noch warten
und mein Boot mit dem fallenden Wasser von den Felsen, auf denen es bis
jetzt gelegen hat, herablassen. Diese Wartezeit langweilt mich sehr,
obwohl mir andauernd die Beschreibungen über den Moskenes-strömmen durch
den Kopf gehen und ich innerlich vor Spannung vibriere.
Plötzlich ein
Rauschen: Eine Welle erfaßt mein Boot und drückt es in Richtung auf
einen scharfkantigen Felsbrocken. Um eine Beschädigung zu verhindern,
versuche ich, es mit dem Paddel vor dem Felsen abzufangen. Das war
leider falsch und ein Paddelbruch ist die Folge. Zerknirscht nehme ich
das Reservepaddel, ein nagelneues, und schnalle das beschädigte Paddel
auf das Verdeck. Im Notfall ist es eventuell noch als Stechpaddel zu
verwenden!
Nach diesem
Zwischenfall hält es mich nicht mehr länger auf der Insel. Ich steige
ins Boot und mache mich ”reisefertig”: Die Sitzluke wird fest
verschlossen, die Leinen sind geordnet, die Steuereinrichtung reagiert
optimal. Bei den Vorbereitungen in der letzten Stunde habe ich gar nicht
so bewußt auf das Wetter geachtet; aber jetzt ist herrlicher
Sonnenschein, das Meer hat eine blaue Farbe wie im Bilderbuch. Keine
Wolke am Himmel, das Barometer steht gut, das Thermometer zeigt 12 Grad
Celsius an. Mit dem Fernglas schaue ich mir die Wellen in Richtung der
Inselgruppe Svarvene, meinem ersten Ziel, an. Es sieht gut aus! Um 14.25
Uhr starte ich die Unternehmung, auf die ich mich seit einem Jahr
intensiv vorbereitet habe.

Mein gut
präpariertes Boot läuft wunderbar, und nach etwa zwanzig Minuten bin ich
bis auf etwa 500 Meter an die Inselgruppe herangekommen. Zwischen den
beiden südlichen Inseln geht dann die Fahrt hindurch, wobei ich bei der
einen Insel eine starke, aber unregelmäßige Wellenbildung über eine
Untiefe und bei der anderen die ein bis zwei Meter hohen Brandungswellen
zu beachten habe.
Um 15 Uhr bin ich an der Insel Kjeldholm. Auf der Ostseite dieser Insel
sind keine Brandungswellen, und es herrscht eine eigentümliche Ruhe
trotz des Rauschens der See.
Da jetzt der
geplante Zeitpunkt für den Start zum dritten Abschnitt, die Überquerung
des Moskenes-strömmen gekommen ist, steht für mich fest, daß ich, ohne
an Land zu gehen, sofort weiterfahren werde. Die Insel, auf der eine
unbewohnte Fischerhütte steht und viele Möwen nisten, die während der
Brutzeit sehr aggressiv sind, ist mir nicht einladend genug.
Außerdem liegt die
Inselgruppe so exponiert in der See, daß ich bei einem
Schlechtwettereinbruch weder nach Norden noch nach Süden weiterkommen
würde. Nach einer kurzen Pause von fünf Minuten fahre ich weiter,
zwischen den Inseln Kjeldholm und Högholm hindurch, in Richtung des 601
Meter hohen Berges Hellsegga, der in etwa sechs Kilometer Entfernung aus
dem Meer aufsteigt und das Südende von Moskenesöy, Lofotodden, markant
hervorhebt.
Nun beginnt der Teil
meiner Überquerung, vor dem ich am meisten Respekt habe: Der
Moskenes-strömmen liegt vor mir. Die Wind- und Wetterverhältnisse sind
weiterhin gut. Nach etwa einem Kilometer Fahrt wird der Wind jedoch
stärker, und auch die Wellen werden höher. Vereinzelt sind schon weiße
Kämme auf den Wellen, die jetzt regelmäßig über das Verdeck meines
Bootes laufen. Ich hoffe, daß es nicht schlimmer wird und fahre
kraftvoll und sehr konzentriert weiter. Eine knappe Stunde Zeit habe ich
für die Überquerung des Moskenes-strömmen, dann wechselt die Strömung
nach Osten und würde mich vom Land wegziehen. Mit dieser Zeitvorgabe
paddle ich der Küste von Lofotodden entgegen. Ich merke kaum, daß ich
näher komme. Nur an der Peilung und der Deckung verschiedener
Höhenpunkte der Berge, die ich mir vorher eingeprägt hatte, stelle ich
fest, wie weit ich noch von meinem Ziel entfernt bin. Etwa anderthalb
bis zwei Kilometer vor der Küste, so hatte mir Einar Dyrnes gesagt,
solle ich den Kurs auf Nordost ändern und in Richtung auf das
Leuchtfeuer auf dem Hügel Yttertuven zufahren. Als ich dann an dem
Punkt angekommen bin , flaut der Wind ab, und etwa ein Kilometer vor
Yttertuven läuft auch das Boot wieder ”trocken”. Nachdem ich Yttertuven
erreicht habe, löst sich die Spannung der letzten Tage, aber ein Gefühl
der Freude oder des Stolzes kommt nicht auf! Zu stark waren die
Anspannungen.
Ich drehe mich noch
einmal um, schaue zurück zur Felseninsel Mosken, die deutlich aus dem
Meer aufsteigt, zur Inselgruppe Svarvene, die ich vor knapp zwei Stunden
passiert habe, und nach Vaeröy, dem Ausgangsort meiner Faltbootreise. Zu
Tind angekommen, rufe ich Einar Dyrnes an und melde ihm die erfolgreiche
Überfahrt: ”Takk for informasjon, takk for alt.”
Gerd Fuhrmann