Heinz Voßeler
machte uns den Mund wässrig mit ”Kajakfahren in der Türkei”. Im Jahr
zuvor war er bereits mit einer anderen Gruppe auf Bächen im
Taurus-Gebirge, das parallel dem Mittelmeer von Ost nach West
verläuft. Mit großer Begeisterung bereiteten wir uns auf die Reise
vor. Wir, das waren Heinz Voßeler als Chef, Ewald Schäfer, Klaus
Gans und ich. Der VW- Bus von Heinz wurde bis an den Rand mit
Bootsausrüstung und Verpflegung gefüllt. Über den Autoput durch
Jugoslawien, Bulgarien erreichten wir Istanbul. Auf der Hinfahrt zu
unserem Traumfluß Ceyhan besuchten wir noch die Ruinen von Pergamon,
Ephesus sowie die Sinterterrassen von Pamukale. Die Fahrt entlang der
Mittelmeerküste, der sogenannten “Türkischen Riviera” war traumhaft.
Über Adana fuhren wir ins Innere des Landes und erreichten nicht zu
weit von Maras entfernt die Brücke über den Göksu, wo unsere Abenteuer
beginnen sollte. Der Göksu mündet nach ca. 3 km in der Ceyhan. Die
Boote wurden gepackt mit der Ausrüstung für eine Woche einschließlich
Verpflegung. Die Boote waren verdammt schwer und unbeweglich auf dem
Wasser.

Tagebuchauszug
vom 10.8.67
In dieser Nacht
schlafe ich sehr schlecht. Der Boden ist ungewohnt hart, da wir aus
Gewichtsgründen auf Luftmatratzen verzichtet haben. Auch die Schnaken
sind wieder sehr aktiv. Gestern gab es Haferflocken zum Essen, heut
früh auch wieder Haferflocken, ich glaube so wird es auf der ganzen
Fahrt weitergehen. Der Ceyhan ist ganz toll. Einige Stellen sind für
mich am Anfang etwas zu schwer, da ich wegen dem Studium im letzten
Jahr nicht im Boot sitzen konnte. Aber ich meistere sie alle. Kurz
nach der Gefällstrecke kommt gleich noch ein starker Absatz mit einer
weiteren Gefällstrecke und tiefen Löchern. Mir ist klar, hier darfst
du nicht schwimmen und muß zweimal eskimotieren. Wir campieren an
einem Wasserfall, einer unfahrbaren Stelle.
11.8.67
Das Wetter ist
wie gewöhnlich gut. Der heutige Tag ist nicht gerade ein glücklicher!
An einer nicht allzu schweren Stelle kentere ich und kann den Kahn
nicht mehr hochdrehen, da sich die Spritzdecke löst. Beim Aussteigen
bleibe ich mit den Schuhen im Kentersack hängen, so daß ich alle Kraft
aufwenden muß, um mich zu befreien. Nun beginnt eine verblockte
Schlucht, die ca. 5 Km lang ist. Wir gehen sie ein Stück entlang und
entscheiden: unfahr- bar!! Der Zufall will es, daß ein völlig
klappriger Omnibus einige Zeit später in der Nähe vorbeifährt und uns
samt Boote mitnimmt. Die Straße ist in den Fels hineingehauen, und wir
bangen bei der Fahrt um unser Leben.

13.8.67
Nachdem wir
unser Haferflocken-Frühstück zu uns genommen haben, fahren wir in die
Schlucht. Ein toller Anblick die hohen Felsenwände. Ich habe kaum
einen Blick für die schöne Natur. Heute muß ich zweimal eskimotieren
und schwimme einmal. Das schwere Boot läßt sich nicht mehr rechtzeitig
drehen und ich komme quer in eine Walze, die mich ordentlich
durchschüttelt. Heute haben wir einige Umtragestellen, die mit den
schweren Booten sehr viel Kraft kosten . Oft habe ich Angst vor dem
Ungewissen, denn wir wissen nicht was die nächste Biegung bringt.
Klaus hat schon einiges abgenommen und ist nervlich auch etwas down.
Ihn schlaucht es scheinbar sehr, er hat schon ganz große Augen. Heinz
und Ewald fühlen sich noch sehr wohl.

14.8.67
Wir müssen
wieder einige unfahrbare Stellen umtragen, die sehr viel Kraft und
Schweiß kosten. Teilweise tragen wir das Gepäck voraus und
anschließend fahren wir die Boote nach. Es bleibt nur wenig Zeit, die
grandiose Schlucht zu bestaunen und auf sich wirken zu lassen. Nach
der Schlucht kommen noch einige schwierige Absätze, in denen ich noch
einmal schwimme.
15.8.67
Nach dem
morgendlichen Bad im Fluß will ich meine Badehose anziehen, da sticht
mich ein kleiner Skorpion in den linken Daumen. Ein heftiger Schmerz
durchfährt meine Hand. Ich beiße sofort in den Stichbereich und sauge
so sehr ich kann. Den Vormittag fühle ich mich müde und habe einen
Schleier vor den Augen. Der Ceyhan wird jetzt leichter und
gemütlicher. Wir erholen uns von den Strapazen.

Vom 25.8. bis 27.8.67 fahren wir noch ca. 100 km auf dem Seyhan von
Pinarbasi bis Bakirdage. Dieser Fluß fließt auch bei Adana in das
Mittelmeer. Es ist ein gemütliches Paddeln ohne Aufregungen. Nach
Bakirdage soll der Seyhan nach den uns vorliegenden Landkarten ein
gewaltiges Gefälle haben. Da wir keine Flußbeschreibung auftreiben
konnten, ist uns das Risiko zu groß und wir nehmen Abstand von einer
Weiterfahrt.
Unser Bedarf an
Wildwasser ist vorerst gedeckt und so besuchen wir die Felsenwohnungen
von Göröme, die uns sehr beeindrucken. Über Ankara erreichen wir
Istanbul, wo wir noch einen Tag verbringen.
Über den Norden
von Griechenland fahren wir bis nach Thessaloniki wo es uns gelingt,
eine Zutrittsgenehmigung zum Heiligen Berg Athos zu erhalten. Wir
wollen noch etwas ganz Besonderes für unsere Bildung und Seele tun und
verbringen vier Tage in den verschiedenen Klöstern bei den Mönchen.
Wir wandern von einem Kloster zum anderen, essen und schlafen bei den
Mönchen. Nachts nehmen wir an den Gottesdiensten teil. Es ist ein tief
ergreifendes Erlebnis, an das ich gerne zurückdenke.
Auf der
weiteren Heimfahrt durch Jugoslawien fahren wir noch auf der Tara von
Durdevica aus durch die Teufelsschlucht. Gewaltige Felswände ragen vom
Fluß auf, Wasserfälle stürzten herunter und ganze Bäche fließen aus
dem Fels. Die Tara ist ein nicht zu schweres Wildwasser und macht viel
Spaß. Wir fahren noch ein kurzes Stück auf der Drina, bevor wir
ausbooten. An der Adria-Küste entlang geht es zurück nach Stuttgart.
Gerne denke ich
an die 7-wöchige Türkei-Griechenland-Reise zurück, die uns teilweise
sehr große körperliche Strapazen abverlangte. Zu verschiedenen Zeiten
wurde die Kameradschaft sehr auf die Probe gestellt, da vier
verschiedene Charaktere zusammen waren.
Gerd Arnold