Stuttgarter Kajak- Club e.V. 

 

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Der Virus vom Polarkreis - drei Versionen einer Krankheit

 

von Reini, Toni und Werner

 

 

Reini:

 

Wie so oft stand am Anfang die Neugier. Werner erzählte hin und wieder in blumiger Sprache vom Arctic Canoe Race. Um diese Neugier befriedigen zu können, galt es die Chance zu ergreifen, mit Werner, Kalle, Toni, Shuttlebunny Klaus und mir eine Vorortbesichtigung durchzuführen. Also machten wir uns im Juli 1996 im vollgepackten VW Bus von Klaus auf den Weg zur 3500 km entfernten Einbootstelle, welche sich im Dreiländereck von Norwegen, Schweden und Finnland befindet. Dort angekommen, entschlossen wir uns, die 537 km bis zur Mündung in die Ostsee nicht am eigentlichen Rennen, sondern an der Touristenrallye teilzunehmen.

 

Morgens um 8 Uhr begann dann die erste Etappe mit ca. 60 km nahezu stehendem Gewässer, Gegenwind und Regenschauern. Mit Erreichen des Etappenziels bekam jeder ein schönes kühles Bier von attraktiven jungen Damen gereicht, die uns auch an den folgenden Tagen angenehme Gesellschaft leisteten. Wer aber jetzt schlimmes denkt, der täuscht, da vermutlich so manche ausgelebte Phantasie von eifersüchtigen Moskitos zunichte gemacht wird. Also blieb es halt doch beim Vollkörperkondom, dem schönen, feucht muffligen kleinen Latexneostrampelbody. Bei den Mädels handelte es sich übrigens um Praktikantinnen einer Touristenschule. Dieses Bierritual wiederholte sich nun täglich und war oft der einzige Gedanke, der einen ins Ziel trieb. Nach so einem Bier kam man natürlich in eine richtige Bierlaune, auch wenn die Halbe 10,- DM kostete. Richtige Finnen schreckt sowieso nichts ab, die nehmen ihr Bier sogar mit in die Sauna, weil‘s da halt so richtig reinknallt. Übrigens, so ein Artic Canoe Race ist ein Riesenspektakel für alles, was sich oberhalb des nördlichen Polarkreises rumtummelt. Da läuft das Volk zusammen zum Tanzen, Festen und Saufen, wobei letzteres mit Sicherheit den ersten Bausparvertrag kostet. Ein Fest ist jedoch nur dann gut, wenn der Vollrausch erreicht ist. Dieser Zeitpunkt ist gut beobachtbar, da dann männliche und weibliche Skandinavier genau dort urinieren, wo sie sich gerade befinden.

 

Die folgenden Etappen unterteilten sich dann in 60, 100, 100, 82, 74 und 55 km lange Abschnitte. Hin und wieder gab es auch fließende Bereiche oder sogar kurze Abschnitte mit wuchtigem Wildwasser des Kalibers 4 - 4,5. Bei Sitzzeiten von bis zu 10 Stunden und permanenten stupidem Paddeln konnte man den eigenen körperlichen Zerfall beobachten. Am schlimmsten war die Belastung jedoch für die Hände, welche schon nach dem ersten Tag mit Blasen übersät waren und mühselig mit Pflastern und Klebeband für die nächsten Etappen präpariert werden mußten. Erstaunlich und kaum zu glauben, aber trotzdem wahr. An einem mehrtägigen Selbstversuch konnte ich an mir den bislang für unmöglich gehaltenen Sekundenschlaf während des Paddelns feststellen. Paddeln ist demnach nicht sonderlich anspruchsvoll, sondern ohne weiteres im Schlaf durchführbar.

Die Strapazen, denen man sich aussetzt, werden aufgewogen durch eine wunderschöne Fluß- und Seenlandschaft, die in ihrer Natürlichkeit unverändert ist durch menschliche Eingriffe. Die Landschaft ist geprägt durch eine heilsame Stille und öffnet den Blick für Dinge, die man sonst nicht wahrnimmt, wie die Veränderung der Vegetation von Krüppelbirken und Zwergkiefern am Beginn der Rallye bis zu Wäldern in gewohnter Art und Weise am Ende.

 

Unvergeßlich bleiben mit Sicherheit auch die Moskitos und Blackflies, die einem nicht einmal ein bißchen Ruhe zum Erholen gönnten und jeden Moment der Unachtsamkeit mit einem Stich belohnten. Der nächtliche Pinkelausflug mußte wohlüberlegt sein, da die Biester die Chance der herabgelassenen Hose nutzten und den Wertesten mit Gift vollpumpten. Selbst die größte Unterhose saß nun endlich straff. Wer dachte er könnte mit der Chemiekeule eine Aura des Friedens um sich schaffen, der wurde eines besseren belehrt, denn “Autan” verärgerte diese Geschöpfe nur und wurde sofort mit einer Attacke quittiert. Die gängigen skandinavischen Mittelchen, wie “Off” stehen dahingegen eher in dem Verdacht für Haarausfall zu sorgen, anstatt die lästigen Insekten zu vertreiben. Eingeschworene Nordländer schwören deshalb auf “4711 Kölnischwasser”, welches ein wirksames Mittel gegen die Attacken darstellt, aber alle 10 Minuten neu aufgetragen werden muß und ziemlich puffig riecht.

 

Nicht nur die Rallye an sich war ein Erlebnis, sondern auch der Kontakt zu den Teilnehmern, welche sich zu dieser Veranstaltung aus halb Europa zusammenfanden. Am faszinierendsten dabei war eine Gruppe aus Lettland, die unter ärmlichsten Bedingungen und hohem improvisatorischem Können an den Start ging. Zudem war Toni der Meinung, daß sie mit Abstand das hübscheste Mädchen in ihren Reihen hatten, welches fortan keine Ruhe mehr vor unserem Frauengourmet fand.

Mindestens genauso eindrucksvoll war der ungewohnte Umstand der Mitternachtssonne, die man aber wegen den Moskitos leider nicht so richtig genießen konnte. Erstaunlich war die Auswirkung auf das Schlafbedürfnis, so daß anstatt der für mich üblichen 7 bis 8 Stunden nun auch 5 Stunden Schlaf ihr Übriges taten, wobei nicht zuletzt eine niedliche Norwegerin Ursache des geringen Schlafbedürfnisses war.

 

Das körperliche Leid und die Strapazen wurden jedoch so schnell verdrängt, wie sie erschienen waren. Schon im folgenden Jahr sollten Toni und ich ein zweites Mal zum Startschuß des 15. Arctic Canoe Race erscheinen um diesmal am Rennen teilzunehmen.

 

 

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